IVO: Presse

Hat die Pandemie den Mangel an Fachkräften beschleunigt oder reduziert?
In Bezug auf den Odenwaldkreis ist Dr. Christa Larsen vom Institut für Wirtschaft, Arbeit und Kultur an der Goethe-Universität Frankfurt zu einem differenzierten Ergebnis gekommen.

In jedem zweiten Jahr werden die Daten neu erhoben, machte die Wissenschaftlerin zu Beginn ihres Vortrags am Beruflichen Schulzentrum in Michelstadt deutlich. Der Odenwaldkreis war der erste Landkreis in Hessen, der mit dem brandneuen Material von Regio Pro (Regionale Beschäftigungs- und Berufsprognosen) versorgt wurde.

In der Summe habe der Arbeits- und Fachkräfteengpass im Odenwald durch Corona eine leichte Entspannung erfahren, so Larsen. Ohne den Pandemieeffekt wäre in der Siebenjahresbetrachtung (2017 bis 2024) eine Lücke von annähernd 5000 Fachkräften entstanden; tatsächlich sei von einer Lücke von 4170 Beschäftigten bis zum Jahr 2026 auszugehen. Damit zähle der Odenwaldkreis mit einer Fachkräftelücke von zwölf Prozent (anteilig der Gesamtbeschäftigten) zu den Schlusslichtern in Hessen.

Die einzelnen Branchen betrifft es unterschiedlich stark. Mit etwa zehn Prozent komme der größte Sektor, die kunststoffverarbeitende und Kautschuk-Industrie, noch vergleichsweise glimpflich davon. Härter betroffen sei der Bedarf in der Maschinen- und Fahrzeugtechnik (-13 Prozent), bei den Gebäude- und versorgungstechnischen Berufen (-29) oder in der Gesundheitsbranche (-23) und Altenpflege (-24). Als die stärkste Gruppe unter den Potenzialen zur Fachkräftesicherung machte die Referentin die Frauen aus. Von den 8600 sozialversicherungspflichtig beschäftigten Frauen sei nur die Hälfte in Vollzeit beschäftigt; als Geringverdienerinnen kämen weitere 3300 hinzu. Als Problem dieser Beschäftigungslücke gegenüber Männern machte sie eine „Lohnlücke“ von 19,7 Prozent aus, womit der Odenwaldkreis den drittschlechtesten Platz unter allen 26 Gebietskörperschaften (Hessen im Durchschnitt 11,9) einnehme. Mit einer Verringerung von gerade mal 1,9 Prozent (Hessen: 4,0) in den Jahren 2012 bis 2018 hinke der kleinste Landkreis in der Entwicklung gar auf dem letzten Platz hinterher.

Larsen räumte auch den älteren Beschäftigten und vor allem Auspendlern weitere Potenziale ein, um den Fachkräftebedarf decken zu können. Mit 56 Prozent suchten derzeit besonders im Bereich Maschinen- und Fahrzeugtechnik mehr als jeder zweite Arbeitnehmer einen Arbeitsplatz auf, der sich außerhalb der Kreisgrenzen befinde. Arbeitgebern, die nach Arzthelferinnen, Fachkräften in der Kranken- und Altenpflege sowie in der Erziehung suchten, empfahl sie, ein ungenutztes Potenzial von 20 bis 27 Prozent anzusprechen, das in der Altersspanne zwischen 50 und 59 Jahren dem Arbeitsmarkt zur Verfügung stehe.

An der Veranstaltung am 7. September nahmen rund 30 Gäste aus Wirtschaft, Verwaltung und Verbänden teil. Eingeladen hatte die Kreisverwaltung; bei der Durchführung traten die IVO und die OREG als Unterstützer auf.


Autor: Manfred Giebenhain
Veröffentlicht: 13.09.2021

Wirtschaftsbeirat der OREG erstellt Bestandsaufnahme und setzt auf Kooperation

Erbach. Wie bewerten Vertreter der Odenwälder Wirtschaft die derzeitige Lage und die möglichen Auswirkungen der Coronakrise für den Wirtschaftsstandort Odenwaldkreis und die heimische Wirtschaft? Mit dieser Fragestellung hat der Vorsitzende des Wirtschaftsbeirats der Odenwald-Regionalgesellschaft mbH (OREG), Jürgen Walther, die Mitglieder des zwölfköpfigen Gremiums um ihre fachliche Einschätzung gebeten. Damit ist die Odenwälder Wirtschaft auch in den Dialog um eine vollumfängliche Bewertung der gesamtgesellschaftlichen Lage eingetreten.

Die Satzung des Wirtschaftsbeirats regelt, dass das ehrenamtlich arbeitende OREGBeratungsgremium vom Vorsitzenden der Industrievereinigung Odenwaldkreis (IVO) geführt wird. Mit dieser Rolle wurde Walther von den Mitgliedern der IVO zum ersten Mal vor zehn Jahren betraut. „Die Gesellschaft und die Wirtschaft weltweit befindet sich in einer Situation ungekannter Herausforderungen. Keiner von uns weiß, was noch auf uns zukommt und keiner kann abschätzen, wie sich die Situation entwickelt“, hat Walther seiner Fragestellung vorangestellt. Wie er, begrüßen auch andere namhafte Wirtschaftsvertreter der Region, dass sich in einer zweiten Phase der Krisenbewältigung neben Politiker und Virologen nun auch Fachleute aus Bereichen wie der Ökonomie, Psychiatrie und Psychologie, Agrar- und Sozialwissenschaftler in die Diskussion um weitere Maßnahmen eingebracht und ihre Empfehlungen für einen geordneten Ausstieg aus dem Shutdown abgegeben haben.

Zu den Stärken addiert Walther, dass die OREG und der Bereich Wirtschaftsförderung bereits in einem regen und förderlichen Austausch mit der heimischen Wirtschaft steht und das engmaschig gestrickte Netzwerk sich besonders jetzt in der Krise bewährt. „Das Team rund um Geschäftsführer Marius Schwabe und Gabriele Quanz leisten hervorragende Arbeit. Wir begrüßen es sehr, dass der Wirtschafts-Service mit einer kostenfreien telefonischen Beratungsstelle den Odenwälder Unternehmen bei der Auskunft und Beantragung der Soforthilfen aus den Bundes- und Landesprogrammen tatkräftig zur Seite steht (siehe auch unter www.oreg.de/info-corona/).“

Aus der Rezession darf keine Depression werden

Der Vorstandsprecher der Volksbank Odenwald, Ralf Magerkurth, befürchtet, dass besonders der Mittelstand, die kleinen und mittleren Unternehmen, die Auswirkungen dieser Krise hart zu spüren bekommt. Bundesweit treffe dies vorrangig auf die Gastronomie und Hotellerie und das Reisegewerbe zu, davon können auch Eventagenturen, Kinos, Fitnessunterschätzen sind die Auswirkungen im Prüfungsbereich. Durch die zeitlichen Verschiebungen der Prüfungen müssen eventuell Ausbildungszeiten verlängert werden“, gibt Buschmann zu Bedenken.

Ungerechtigkeiten schnellstmöglich beseitigen

Landrat Frank Matiaske betont, dass es ihm in der derzeitigen Situation wichtig ist, sowohl die Seite der Unternehmen und ihrer Inhaberinnen und Inhaber als auch die der von Kurzarbeit betroffenen Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer im Blick zu haben. „Viele machen sich verständlicherweise große Sorgen um die eigene Firma, aber auch darüber, ob der Kredit für das Eigenheim zurückgezahlt werden kann.“ Deshalb sei ein kompetentes Beratungsangebot in allen Bereichen wichtig. Mit Blick auf den „Shutdown“ dringt Matiaske darauf, dass im ersten Schritt Ungerechtigkeiten schnellstmöglich beseitigt werden müssten.

Für den Bereich der Industrie stellt Jürgen Walther als IVO-Vorsitzender fest, dass in dem für den Odenwald prägenden Bereich Kunststoff- und Kautschukverarbeitung sowie Maschinenbau ebenfalls ein differenziertes Bild zu zeichnen ist. Während große Bereiche der Reifenproduktion in der Region weiterhin stillstehen, kommen die Kunststoff-Verarbeiter im Bereich der Medizintechnik mit ihren Kapazitäten kaum nach, den Bedarf zu bedienen. Auch die Plexiglas-Verarbeiter arbeiten zum Teil im Schichtbetrieb, einerseits um die Ansteckungsgefahr unter den Mitarbeitern zu minimieren, andererseits aber auch um der große Nachfrage nach sog. Spuck-Schutzen nachzukommen.

„Schwierig ist es auch für die großen Montagebetriebe, die auf die Lieferung von Komponenten aus Italien oder China angewiesen sind, um ihre Produkte herzustellen. Völlig eingebrochen hingegen sind die Aufträge der Werbeagenturen, der Event- und Messebranche“, ergänzt Walther.


Über 700 Firmen beantragten Kurzarbeitergeld


Die Wirtschaftsvertreter stimmen darin überein, dass bei einer Lockerung der Abschottungsmaßnahmen Risikogruppen besonders berücksichtigt werden müssen. Magerkurth geht fest davon aus, dass es weiterhin erhebliche Verhaltensregeln zu beachten geben wird, was auch auf den normalen Wirtschaftsbetrieb und die Speisegastronomie zutreffen wird. „Großveranstaltungen bleiben problematisch und stehen wohl am Ende der Kette der Normalisierung.“ Die Politik sei gut beraten, den volkswirtschaftlichen Schaden zu begrenzen, damit am Ende die vielen Förderprogramme und die Stabilität des Gesundheitswesens aufrechterhalten werden können.


Eine Ende März von der IHK Darmstadt Rhein Main Neckar gestartete Blitzumfrage bestätigt, dass in Folge der verhängten Maßnahmen jedes vierte Unternehmen in Südhessen damit rechnet, dass der eigene Umsatz im laufenden Jahr um bis zur Hälfte einbrechen wird. Von einer Insolvenz sehen sich 17 Prozent der Unternehmen bedroht. Mit 709 Firmen (von insgesamt 4014), die bis Ende März Kurzarbeitergeld beantragt haben, ist der Odenwaldkreis überdurchschnittlich stark betroffen (IHK-Bezirk gesamt: 6945 von insgesamt 45 829). Zum Vergleich die Anzahl der sozialversicherungspflichtigen Beschäftigten: IHK-Bezirk 387 790; Odenwaldkreis 27 659. „Im Odenwaldkreis liegt der Anteil der Industriebeschäftigten mit 40 Prozent sogar über dem südhessischen Durchschnitt“, betont Dr. Daniel Theobald, der den


Autor: WIRTSCHAFTSBEIRAT der Odenwald-Regional-Gesellschaft mbH (OREG), Erbach
Veröffentlicht: 16.04.2020